von Stefanie Tatz

Gedanken zum Monatsspruch für September 2017 von Thomas Knittel

„Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.“
(Lukas 13,30)

Beinahe jedes Jahr nehme ich mir im Urlaub vor, ein Buch zu schreiben. Vielleicht ist das auch ein bisschen übertrieben, es mag sein, dass die Aussage nur für jedes dritte Jahr zutrifft. Gefühlt aber ist es so. Manchmal ist es ein theologisches Buch, das ich in Gedanken plane, manchmal eine Sammlung von Kolumnen über die kleinen Dinge des Lebens, manchmal eine Art Psalter für Fußballfans.

Ehrlich gesagt (und wie zu erwarten) kam es noch nie dazu, dass der Plan umgesetzt wurde, bislang bleibt es dabei: mein erstes und einziges Buch ist meine Doktorarbeit über das Leben Adams und Evas, ein Buch von dem ich freilich in der Rückschau sage: es ist nicht das, was die Welt am meisten braucht.

In diesem Sommer kam mir nun im Urlaub ein neuer Plan:

ich will eine Bibliothek eröffnen. Eine Bibliothek der unverwirklichten Ideen. Denn eigentlich ist es schade um die schönen Ideen, von denen nie einer etwas erfährt, weil sie nie zur Umsetzung kommen. Man könnte sie wenigstens ausstellen oder verleihen, man könnte ihren Anblick mögen, wie sie so aneinandergereiht im Regal stehen. Man könnte in ihnen blättern und dann das Buch wieder ins Regal stellen. Man könnte sich auch von dem Druck befreien, den unverwirklichte Ideen ausüben können, indem man sie einfach ablegt.

Ich dachte also daran, einen Aufruf zu starten, schickt mir eure schönsten unverwirklichten Ideen. Am liebsten die, aus denen nie etwas werden kann. Ich stelle sie wie Bücher in ein virtuelles Regal im Internet, und so haben viele ihre Freude daran. Ein bisschen war ich sogar stolz auf meine bislang unverwirklichte Idee.

Kürzlich aber musste ich feststellen: Es war eine Mogelpackung, wenn auch unbewusst. Es gibt diese Bibliothek der unverwirklichten Ideen längst. Unter „ideathek.poesieoption.com“ las ich im Internet folgendes: „Wir, das Künstlerkollektiv PoesieOption, wollen Ideen sammeln. Von Juli bis Dezember 2017 laden wir Bürger_innen aus Halle ein, ihre unverwirklichten Ideen aus der Schublade hervorzuholen und sie der Ideathek zu überlassen. Diese Ideen-Bibliothek wird in der alten Schwemme-Brauerei aufgebaut – hier kann man sich inspirieren lassen und mit anderen Ideengeber_innen in Dialog treten, um dann vielleicht Projekte zu entwickeln?“

Ich hätte das nicht verraten müssen, denn wer kennt schon die alte Schwemme-Brauerei in Halle. Aber ein bisschen unwohl war mir doch dabei, die Idee weiterhin als meine auszugeben.

Ich wollte die Idee also in den Schredder tun, habe mich dann aber doch entschieden, sie weiterhin gut zu finden, auch wenn sie nicht mehr von mir ist. Nach wie vor mag ich es ja, mir Dinge auszudenken, auch wenn nicht wenige davon unverwirklicht bleiben. Und eigentlich ist es ja auch ganz befreiend, wenn man ab und an über sich selbst lachen kann. Somit hätten die unverwirklichten Ideen einen großen Schritt von der Peinlichkeit hin zum Entertainment gemacht. Es gibt Zeiten, da ich mich meiner unverwirklichten Ideen schäme, aber vielleicht kommt ihre Zeit ja noch. Darum lautet der Plan: sie gut sichtbar vor mir (und vielleicht auch vor anderen) auszubreiten, ab und an durchzugehen, die eine oder andere auszusortieren. Insgesamt aber in der Hoffnung, diese oder jene blinkt mich plötzlich an und schwups, weiß ich, was zu tun ist.

An dieser Stelle stoppte meine Gedankenwanderung abrupt, denn ich merkte, dass ich den Trick durchschaut hatte. Man tut so, als würde man sich nur mal so zum Spaß über Ideen austauschen, die ohnehin keinen Nutzwert haben. Man lacht dabei und fühlt sich frei, weil man ja weiß: bringt eh nix. Unversehens aber zeigt sich die eine oder andere Idee als gar nicht so unbrauchbar. Man hätte ihr das nicht zugetraut. Es stimmt schon: manche, die man für die Letzten hielt, entpuppten sich als die Ersten. Wenn man die Gedanken erst einmal laufen lässt, weiß man nie so genau, wann und auf welche Weise dieser oder jener ins Ziel gelangt. Das Problem ist nur, man ist selten so frei, und Zeit hat man ohnehin keine. Die Gewinner von morgen bleiben somit unentdeckt. Vielleicht entdeckt sie aber doch einer in den Regalen und sieht, wie sie blinken inmitten dieser ganzen Reihe im Grunde doch gänzlich unbrauchbarer Ideen. Es spricht also vieles dafür, solche Bibliotheken zu bauen für die vielen unverwirklichten Ideen. Es wird garantiert nicht so sein, wie mit dem Museum, von dem ich jüngst hörte. Man hatte ein schönes Gebäude erbaut, aber es gab jahrelang keine Ausstellungsstücke. Mit den unverwirklichten Ideen ist es eher umgekehrt. Es gibt sie in großer Zahl, eine schöner als die andere. Aber es fehlt an Ausstellungsräumen.

Gebet

Herr, der du alles Leben erschaffen hast, dein ist das Wort, dein sind die Ideen, dein ist das Werk, das wir tun. Nimm unser Tun in Gnaden an und lass Segen daraus wachsen. Gib unserem Reden und Tun die innere Ausrichtung, vollende, was wir nicht vermögen. Dein ist die Nacht, dein ist der Tag, in beidem sei uns nahe und leite uns. Dir sei Ehre in Ewigkeit. Amen.

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