von Stefanie Tatz

Gedanken zum Monatsspruch für November 2017 von Thomas Knittel

Gott spricht: Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein.
Ezechiel 37,27 (L)

„Eine Liebe, zwei Wohnungen.“ Es ist ein Fall für den Paarberater: Seit einem Jahr sind sie ineinander verliebt. Beide haben in ein und demselben Haus eine eigene Wohnung. Sie ist aber meist in seiner und nutzt die ihre nur selten. Als sie ihn aber fragt, warum sie nicht dauerhaft zusammenziehen, weicht er aus.

Der Paarberater schreibt: Sie wohnen ja eigentlich längst zusammen, eine ihrer Wohnungen ist die Hauptwohnung, die andere dient gewissermaßen als Nebenwohnung. Zu mehr sollten Sie Ihren Partner nicht drängen. Überdies sei ein solches Modell heute keine Seltenheit – „Living apart together“, sinngemäß: getrennt zusammen leben. Er nennt auch den Grund, warum das manchen attraktiv scheint: „Zusammenziehen ist heute der härteste Belastungstest für eine Beziehung.“

Ich glaube, er hat recht. Und trotzdem folge ich ihm nicht. Es wirkt wie Liebe mit Rückfahrkarte, wie halbes Vertrauen. Man kann einander ausweichen, aber wird man sich dann überhaupt finden? Besteht nicht die Erfüllung des Zusammenlebens gerade darin, sich auch mit den Schwächen und Differenzen aufeinander einzulassen? Ich würde sogar sagen: Bevor man nicht zusammengezogen ist, hat man sich noch nicht wirklich kennengelernt. Dabei fallen mir die Worte eines anderen Paarberaters ein: den ersten richtigen Krach hatten wir, als es um den Weihnachtsbaum ging. Lametta oder nicht, das kann zur Glaubensfrage werden.

Wenn ich mir nun vorstelle, dass Gott mit mir zusammenziehen will, fühle ich mich erst einmal in die Rolle des Bremsers versetzt. Besser wäre es doch, ich komme ab und an zu ihm in die Kirche, warum soll er auf Dauer in meiner Wohnung sein? Nun, ich muss zunächst feststellen, dass ich gar nicht gefragt werde. Er will das, hat es sich vorgenommen, ungeachtet dessen, dass die damals Angeredeten gar keine eigene Wohnung hatten. Der Prophet richtet Gottes Worte an Menschen, die im Exil leben. Mancher dachte wohl, wenn du mir die Adresse nennst, kannst du gern bei mir einziehen. Und tatsächlich so war es gemeint: Gott sagt: ich ziehe bei dir ein und bringe auch die Wohnung mit.

Ein schräger Gedanke, aber auch schön. Ich muss nämlich nicht erst aufräumen, renovieren, umbauen oder anderes tun. Gott wohnt bei mir, in seiner Wohnung. Aber warum sollte er das wollen? Es könnte ja auch sein, dass ich ihm dann regelmäßig auf die Nerven gehe. Oder dass es zur Abwechslung mal mich stört, wenn er die Socken liegen lässt (meistens aber eher umgekehrt). Würde ich dann auch seine Schwächen entdecken? Als Gott hat er vermutlich keine, aber für Überraschungen ist er bekanntlich auch zu haben.

Ich vermute fast, auch er hat die Kolumne gelesen: „Zusammenziehen ist heute der härteste Belastungstest für eine Beziehung.“ Aber das hat ihn nicht abgeschreckt. Er will sich aussetzen. Mir. Mit diesem Wunsch fängt Gemeinschaft an. Einfacher ist sie nicht zu haben. Aber schöner kann sie auch nicht sein.

Thomas Knittel

PS: Ich hätte es nicht gedacht, aber es scheint tatsächlich Umzugsunternehmen zu geben, die den Namen Himmelreich tragen. Googlen Sie mal, wenn Sie wollen.

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