von Stefanie Tatz

Predigt über 1. Kor. 3,5-11 

im Eröffnungsgottesdienst der Hauptversammlung des VEDD am 14.11.2017 in Moritzburg

5 Was ist nun Apollos? Was ist Paulus? Diener sind sie, durch die ihr gläubig geworden seid, und das, wie es der Herr einem jeden gegeben hat: 6 Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben. 7 So ist nun weder der etwas, der pflanzt, noch der begießt, sondern Gott, der das Gedeihen gibt. 8 Der aber pflanzt und der begießt, sind einer wie der andere. Jeder aber wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit. 9 Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. 10 Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. 11 Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

 


 

Liebe Schwestern und Brüder,

was ist denn nun Hephata, was ist Moritzburg? Diakonische Gemeinschaften sind sie, und zwar jede so, wie es der Herr gegeben hat. Was ist denn das Rauhe Haus, was ist Neinstedt? Diakonische Gemeinschaften sind sie, durch die Glaube geweckt und genährt wird.

Ich grüße Sie und Euch alle sehr herzlich und sage noch einmal: Willkommen zur Hauptversammlung des VEDD in Moritzburg! „Das Evangelium in seiner Vielfalt gestalten“, wer könnte uns dazu besser hinführen als der Diakonos Paulus, als der er sich selbst mehrfach bezeichnet?

Es beginnt, wie es auch in unserer Zeit nicht selten beginnt, mit Parteiung und Streit. Ich gehöre zu Paulus, sagen die einen, ich zu Apollos, sagen die anderen. Welchen Rang hat denn dieser Apollos? Welchen Rang hat Paulus? Den des Diakons. Es ist wenig wahrscheinlich, dass Paulus hier vom Amt des Diakons spricht, ein solches war in dieser Zeit erst allmählich im Entstehen. Aber er spricht von dem, was das Amt des Diakons und der Diakonin begründet. Und das finde ich eigentlich noch viel interessanter. Da hier noch kein fest umrissenes und organisiertes Amt im Blick ist, spreche ich lieber etwas offener mit dem griechischen Begriff, der im Text steht: diakonoi – die Dienenden.

Die Diakonoi, sie sind Menschen, die zum Glauben ermutigen oder sagen wir: provozieren (Diener sind sie, durch die ihr gläubig geworden seid). Ich glaube, es ist für diakonische Identität unaufgebbar, dass die Diakonin und der Diakonin ihr Tun als Dienst am Evangelium verstehen. Sie sind professionell in ihrem pädagogischen, sozialarbeiterischen oder pflegenden Handeln (um nur einige Beispiele aus der Vielfalt diakonischer Beruflichkeit zu nennen). Aber sie sind zugleich und vor allem Zeuginnen und Zeugen des Evangeliums. Sie sind „Verführer zum Glauben“, indem sie aller Mutlosigkeit und allen Untergangsszenarien ins Angesicht widerstehen. Wir Moritzburger streiten momentan dafür, dass Diakone und Diakoninnen als Mitarbeitende in dem einen Amt der Verkündigung des Evangeliums verstanden werden. Ordnungsgemäß eingesegnet und insofern berufen. Es ist interessant, dass Paulus den Begriff „diakonos“ in der Regel im Kontext seines Verkündigungsdienstes gebraucht, und so auch hier.

Die Diakonoi. Sie sind das, was sie sind, in der Nachfolge Jesu Christi und in der Kraft des Geistes Jesu Christi. Die knappe Formulierung „wie es der Herr einem jeden gegeben hat“ dürfte eine Anspielung auf die paulinische Charismen-Lehre sein (in einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen bzw. zur Auferbauung aller). Diakonin und Diakon bin ich nicht allein aus eigenem Entschluss, Diakon bin vor allem als von Christus Berufener und Begabter. Diakonin bin ich in der Nachfolge Jesu, in der ich Anteil am Diakonat aller Glaubenden bekommen habe, wie Jürgen Moltmann es nennt. Die Rummelsberger Erklärung von 2011 formuliert es so: „In Diakonischen Gemeinschaften sammeln sich Menschen, die diesen (allen Christen anvertrauten Dienst-) Auftrag als Beruf und Berufung annehmen und leben.“

Die Diakonoi. Sie üben im Konkreten unterschiedliche Tätigkeiten aus. Der eine pflanzt, der andere gießt. Beide erscheinen zugleich auch als Baumeister, wobei der eine das Fundament legt, der andere darauf aufbaut. Neben dem darin deutlichen und für unsere Ohren sicher positiv besetzten Gedanken der Pluralität finde ich zugleich auch eine gewisse Spannung der zwei Bildwelten: Ackerbau und Hausbau kommen zwar darin zusammen, dass in beiden Fällen Neues entsteht und etwas wächst; das eine aber eher im Hinblick auf Vertrauen, dass schon etwas wachsen wird. Der Regen, der Frost, die Sonne und auch manche Schädlinge sind unplanbare Rechengrößen. Der Bauer sät auf Hoffnung hin, der Baumeister in gewisser Weise auch. Aber bei ihm geht es eher um das vernünftige Ineinanderfügen des Vorhandenen. Der Baumeister arbeitet mit dem, was ihm zur Verfügung steht, der Bauer weiß noch nicht genau, was ihm zur Verfügung stehen wird. Der Baumeister will ein Stück Ewigkeit schaffen, der Bauer arbeitet für den Verzehr. Ich habe länger darüber nachgedacht, ob Paulus diese unterschiedlichen Bildfelder absichtsvoll ineinanderfügt. Ob er damit einen tieferen Sinn verbindet? Vielleicht will er Gegensätzliches zueinanderbringen: die zunächst ungedeckte Hoffnung auf Zukunft mit dem kalkulierbaren Vorrat an Material. Die Orientierung an einem aktuell vorhandenen Bedarf mit dem Bedacht auf langfristigen Bestand. Pflanzen und Bauen.

Beides tun die Diakonoi nicht als Besitzer ihres Arbeitsfeldes (Gottes Ackerfeld, Gottes Bau). Ja, es wird sogar als Gnade bezeichnet, dass sie auf je eigene Weise Mitarbeiter Gottes sein dürfen. Ich muss sagen, mich hat das in vielen Situationen getröstet, als Gemeindepfarrer, als kirchlicher Hochschullehrer, als Vorsteher der Gemeinschaft Moritzburger Diakone und Diakoninnen, dass das, woran ich arbeite, nicht mir gehört. Dann mag sich der Herr der Kirche durchaus einmal selbst Gedanken machen, wie er seinen Bau durch die nächste Strukturreform bringt. Und wie er aus Nichts etwas erschaffen kann. Manchmal ist das trotzige „dann mach’s eben selber“ die letzte Zuflucht der „Mitarbeitenden Gottes“, von denen Paulus spricht. Im Blick auf meine Möglichkeiten bin ich gelegentlich kleingläubig. Umso großgläubiger will ich hoffen und beten, dass das Fundament stabil ist und bleibt: einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist.

Die Diakonoi. Jede und jeder möge zusehen, wie er auf dieses Fundament baut, sagt Paulus. Das Schöne an unserer Hauptversammlung ist freilich, dass wir auch einander zusehen können, wie diese und jener darauf bauen. Der Rummelsberger und die Neuendeutelsauerin, der Moritzburger und die Züssowerin. Dienende sind sie, durch die Glauben geweckt und genährt wird, jede und jeder so, wie es ihr und ihm der Herr gegeben hat.

Jetzt denke ich beinahe, Paulus hätte doch geahnt, dass sich eines Tages Diakoninnen und Diakone auf ihn berufen könnten, um sich ihres Amtes zu vergewissern. Freilich will ich ihn nicht vereinnahmen. Dienende sind sie allesamt, die am Bau der Kirche mitwirken und das Ackerfeld Gottes immer wieder kühn mit winzigen Samenkörnern bestücken. Möglicherweise haben sogar die Pfarrerinnen und Pfarrer – Gott sei bei uns – Anteil am Diakonat aller Glaubenden.

Der Friede Gottes erfülle unsere Herzen und Gedanken und bewahre uns in der Gemeinschaft Jesu Christi. Amen.

Thomas Knittel

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