von Stefanie Tatz

über 2. Korinther 6, 4a

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

(Stilles Gebet)

Predigttext:
„In allem erweisen wir uns als Diener Gottes.“
2. Kor. 6, 4a

Ihr Lieben, ich habe euch mal etwas mitgebracht.

Die Geschichte der Hosenträger beginnt, wie es heißt, mit Benjamin Franklin in den 1730er Jahren. Er gründete in Philadelphia eine der ersten Feuerwehren und verordnete den Feuerwehrmännern das Tragen roter Hosenträger.

Das erste Hosenträgerfachgeschäft eröffnete Albert Thurston 1820 in London.

Im Jahre 1871 legte Samuel Clemens, auch bekannt als Autor Mark Twain, ein Patent vor für „Adjustable and Detachable Straps for Garments“ und erhielt damit das erste US-amerika­nische Patent für Hosenträger.

1894 wurde der Clipverschluss erfunden, der das Tragen der Hosenträger erleichterte, aber auch weniger stilvoll machte.

Peter Behrens, Trommler der während der Neuen Deutschen Welle erfolgreichen Band „Trio“, trug immer rote Hosenträger, hatte aber vermutlich keine Beziehung nach Philadelphia.

Ob Vater Höhne Hosenträger trug, wissen wir nicht, aber vielleicht können die Hosenträger doch als Vergleich dienen für die „Diakonische Identität“.

Erst einmal wirken Hosenträger in der Regel ziemlich retro. Sie haben eine dienende Funktion. Sie sind nicht um ihrer selbst willen da. Sie halten oben und unten zusammen. Man könnte auch sagen: Sie haben immer Kontakt zur Basis. Sie sind sehr vielfältig und zugleich sehr flexibel. Es gibt sie in ganz verschiedenen Mustern und Farben. Heute trägt man sie auch wieder viel bewusster, während man sie früher eher versteckte.

Klingt eigentlich nicht schlecht, oder? Diakone als die Hosenträger der Kirche. Nun gut, jedes Bild hinkt. Selbst dieses, denn ein Bild kann weder laufen, noch hinken.

Kommen wir zu Paulus: Er schreibt an die Korinther: „In allem erweisen wir uns als Diener (griech. Diakone) Gottes.“

Das ist ein kurzer Satz, aber er hat es in sich. Drei Punkte fallen mir ins Auge.

„In allem“ schreibt Paulus. Was ist es genau, worum es hier geht? Dieses „in allem“ ist eine lange Liste (Verse 4b-10):

„in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Ster­benden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.“

Wie so oft im Leben beginnt auch Paulus mit dem Negativen. Geduld (ist zwar an sich positiv, in der Praxis aber meist schwierig), Bedrängnis, Not, Angst, Schläge, Gefängnis, Aufruhr, Mühen, Wachen, Fasten. Na gut, Wachen und Fasten ist auch nicht wirklich negativ, aber manchmal eben doch. Und so können wir schon sagen: Paulus zählt erst einmal zehn Probleme auf. Glücklicherweise ist einiges davon nicht unser Thema, wie etwa Gefängnis oder Schläge, hoffe ich jedenfalls. Aber wir hätten vermutlich keine Probleme damit, die Probleme durch andere Begriffe zu ersetzen: Strukturreform, Berufsbilder, Gehaltsunterschiede, Bürokratie. Ich muss aufpassen, dass ich nicht schon längst bei 11 oder 12 Proble­men bin.

Erst danach fügt Paulus auch das Positive an: Lauterkeit, Erkenntnis, Langmut, Freundlich­keit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken. Neun Positiva im Vergleich zu zehn Negativa. Auch das ist typisch. Aber immerhin, sehen wir eben auch auf die Gaben, die uns anvertraut sind, auf die ge­lungenen Aspekte unseres Dienstes, auf das Erfüllende daran. Die Probleme verstellen gelegentlich den Begriff dafür.

In einer dritten Reihe von Begriffen folgen dann noch neun Gegensatzpaare:

  • in Ehre und Schande
  • in bösen Gerüchten und guten Gerüchten
  • als Verführer und doch wahrhaftig
  • als die Unbekannten und doch bekannt
  • als die Sterbenden, und siehe, wir leben
  • als die Gezüchtigten und doch nicht getötet
  • als die Traurigen, aber allezeit fröhlich;
  • als die Armen, aber die doch viele reich machen
  • als die nichts haben und doch alles haben.

Ja, die Erfahrungen im Dienst sind zwiespältig. Erfüllung und Erschöpfung, Gelingen und Misslingen, Begeisterung und Zurückweisung, leere Hände versus bereichernde und beglückende Erfahrungen. In der Regel fällt uns erst das Negative ein, dann, wenn wir etwas länger nachdenken, das Positive. Und schließlich sagen wir: mal so, mal so. Das ist die Realität. Und ehrlich gesagt, ich könnte vieles aufzäh­len auch in meinem Dienst, mit dem ich nicht zufrieden bin. Besuche, die ich versprochen, aber nicht durchgeführt habe, Mails, die ungeschrieben blieben. Vielleicht bin ich auch ein Typ, der Ideen in die Welt setzt und dann manchmal nicht die Kraft hat, sie umzusetzen. Könnte man ja auch vorher be­denken. Manchmal war ich auch müde in meinem Amt. Ihr werdet das kennen, als die Frustrierten und zugleich Zuversichtlichen, als die Enttäuschten und Hoffnungsvollen, als die, die immer wieder Entscheidungen zu treffen haben und zugleich wissen, wie wenig sie überblicken können.

Mir ist es sympathisch, wie Paulus hier zerrissen ist zwischen Erfolg und Misserfolg. Gerade dieser Aktivist des segensreichen Dienstes in Kirche und Diakonie. Und wie er mir ins Stammbuch schreibt: Lass das Rechnen sein und das Vergleichen. Lebe deine Berufung, so gut du es kannst. Urteilen möge andere, aber vor allem der EINE, der ein gnadenvoller Richter ist. In allem erweisen wir uns als Diakone.

Und da kommt mir das zweite in den Blick: Wir. Das ist kein Pluralis majestatis. Diakoninnen und Diakone brauchen dieses „Wir“, das sie trägt und zugleich bekräftig in ihrer Berufung. Die Gemein­schaft, die sie tröstet und manchmal auch korrigiert. Die Gemeinschaft, die schön feiern kann, aber auch ernste Diskussionen führt, wie heute Morgen im Großen Konvent. In unseren Leitsätzen ist dieses „Wir“ ein eigener Punkt. Dienst in Gemeinschaft. Wir haben für uns festgehalten, dass wir nicht einsam und allein auf weiter Flur Diakoninnen sein können. Wir leben unseren Dienst in diesem „Wir“ und getragen von diesem „Wir“. Ich finde es toll, ein Teil davon sein zu dürfen. Sozusagen ehrenhalber berufen, vor neun Jahren. Und ich bleibe es in der nächsten Phase meines Dienstes im Konvent Erzgebirge.

Aber dieses „Wir“ umfasst eigentlich noch mehr. Wir sind nicht nur eine diakonische Ge­mein­de, die vielleicht am meisten mit sich selbst zu tun hat. Wir sind Teil der großen Gemeinde Jesu Christi. Jürgen Moltmann schrieb einmal: alle Christinnen und Christen sind zum Dienst berufen. Diakonat aller Glaubenden. Wir tun es in unserem Amt, zu dem wir eingesegnet sind. Aber genauso tun es auch die Ehrenamtlichen und die andern Haupt­amtlichen. Als Pfarrer finde ich den Gedanken interessant, dass ich Teil am Diakonat aller Glaubenden habe. Im Diakonenamtsgesetz heißt es: Diakone haben Anteil am Verkün­di­gungsauftrag der Kirche. Aber auch das stimmt: die ganze Kirche hat Anteil am Dienstauftrag der Diakone.

Und damit bin ich beim Dritten: in allem, wir, Diener (Diakone) Gottes.

Der Diakon, der unser Gründer – und nicht nur unserer – ist, heißt Jesus. Der Menschensohn ist ge­kommen, um zu dienen. Ich habe es gut in Erinnerung, wie wir beim Erarbeiten unserer Leitsätze auch kontrovers über den Begriff Diener gerungen haben. Er ist missverständlich, wurde vielfach ausgenutzt und auch in Moritzburg mit hierarchischen Strukturen verbunden. Wir haben dann for­muliert, Diakon sein heißt: im Dienst stehen. Dienst für Jesus, Dienst am Menschen, Dienst in Kirche, Dienst in Gemeinschaft. Paulus sagt: wir erweisen uns als Diener. Das beinhaltet auch die alte Formu­lierung, welche schon die griechischen Philo­sophen geprägt haben: Werde, der du bist.

Wir sind es, aber wir wirken vielleicht nicht immer so. Und bitte sagt jetzt nicht: in Demut macht mir keiner etwas vor. Und schreibt auch nicht auf eure Hoodies: Behindere nicht mein Martyrium.

Seid fröhlich bereit, eure Berufung zu leben. Bejaht auch eure Grenzen. Lasst euch nicht ausnutzen, sondern seid frei in allem Dienst. Achtet die Gemeinschaft, die manchmal viel­leicht auch anderer Meinung ist als ihr. Ja, es kann vielleicht auch sein, dass euch hundert „Geisterfahrer“ entgegen­kommen, aber vielleicht sind sie auch in der richtigen Richtung unterwegs. Tragt die Hosenträger gern so, dass sie auffallen, aber nehmt sie auch nicht so wichtig. Vergesst sie gern wieder, denn der Knittel hat ohnehin manchmal schräge Vergleiche.

Friedemann Beyer hat gestern erzählt, dass ich von 2016 an insgesamt zwischen 80 und 90 Dia­ko­ninnen bzw. Diakone eingesegnet habe, etwa 10-11 pro Jahr. Das war für mich eine Aufgabe, die un­bedingt in die enge Auswahl der Highlights in diesen reich gefüllten und für mich erfüllenden sieben­einhalb Jahren gehört, die heute zu Ende gehen. Einsegnungsgottesdienst ist immer der ganz beson­dere Höhepunkt für mich. Und so ist es gut, dass es auch heute noch einmal so ist, bevor ich dann voraussichtlich entpflichtet werde. Ich möchte mich aber mit euch in Zukunft darum sorgen und mit Fröhlichkeit dafür einstehen, dass wir dieses immer wieder werden, was wir sind: in allem erweisen wir uns als Diener Gottes. Ob wir’s richtig­machen oder gar gut? Gott wird schmunzeln, dass wir diese Frage stellen.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Gedanken in Jesus Christus, unserm Herrn!

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