von Conrad Jenschke

Predigt über 2. Mose 33,17

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Lasst uns in der Stille beten.

Liebe Gemeinde,

ich möchte heute über die Losung dieses Tages predigen.

„Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.“
2. Mose 33,17

 

Ihr Lieben,

„Lass uns Du sagen.“ - „Das machen wir. Ich danke Ihnen.“

Na ja, dass man den Vorsteher duzt, hat die Welt noch nicht gesehen.

Wir tun uns manchmal schwer mit dem Du. Außer bei Instagram. Aber sonst schon.

Obwohl: Manchmal ist das Du auch eine große Hilfe. „Grüß Dich, gut siehst du aus, lange nicht gesehen.“ (und hinterher: Hieß er Michael, oder Dieter, oder Gerd?)

Als ich Vikar war, legte man mir nahe, mich nicht mit meinen künftigen Gemeindegliedern zu duzen. Und dann kam ich in eine Gemeinde, wo sich faktisch alle duzten. Und so wurde mir das Du sehr bald in verschiedenen Situationen angeboten. Ich sagte: „Ach, naja, ich weiß nicht. Vielleicht bleiben wir besser beim Sie?“ Ich merkte dann, dass das beinahe unhöflich rüberkam. Nach vier Wochen habe ich gesagt: „Ach komm, lassen Sie uns Du sagen.“

Bei Instagram wiederum: da duzt man sich vielleicht recht schnell, und dann trifft man sich beim Bäcker und sagt „Sie“.

„Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden.“ Na klar: Gott kann jeden einfach duzen. Denn er ist sowohl der Ranghöchste als auch der Älteste. Wäre wirklich komisch, wenn er Sie sagen würde.

Aber doch glaube ich, das Du, das Gott hier sagt, ist keine Formalität. Es geht nicht um Knigge, sondern Knittel. Will sagen: Das Du im Munde Gottes drückt ein Interesse an meiner Person aus. Es ist ein Ausdruck dafür, dass Gott Gemeinschaft mit mir anstrebt. Das steckt nun beileibe nicht hinter jedem Du.

Es gibt nämlich auch das Du des Egal-Seins: Du (interessierst mich im Grunde nicht wirklich). Aber dieses gibt es nicht bei Gott. Er sagt „Du“ aus ganzem Herzen. Weil er es will. Nicht, weil es sich gehört.

Ich glaube, es könnte sogar eine Theologie des Du geben. Manche haben vielleicht schon mal den Philosophen Martin Buber gelesen. Er sagt: „Jedes geeinzelte Du ist ein Durchblick zum ewigen Du.“

Ehrlich gesagt: das habe ich jetzt auch nur von Wikipedia. Ich rate daher mal, dass wir es etwas elementarer fassen, obgleich ich solche etwas verschraubten Formulierungen mag.

Was ist eine Theologie des Du? Heute für uns und insbesondere für Euch bei Eurer Einsegnung.

Ich glaube, generell ist das Diakonenamt ein Du-Amt. Es ist ein Amt des Hinschauens, des sich Zuwendens, der Du-Orientierung. Für den Sachsen besonders interessant: Ich du mein Amd gern.

Aber wie sieht dieses Du-Amt, diese Theologie des Du, vielleicht noch konkreter aus?

Ich glaube, die Theologie des Du hat drei Kapitel:

  1. Es gibt das Du der Zuwendung. (man könnte auch sagen: das Auge)
  2. Es gibt das Du der Vertrautheit. (man könnte auch sagen: das Herz)
  3. Und es gibt das Du des Dienens. (man könnte auch sagen: die Hände)

Zuerst das Du der Zuwendung, wofür das Auge als Symbol steht.

Es ist mir immer wieder mal beim Bibellesen aufgefallen, dass Jesus offenbar Menschen gern ansieht. Er sieht z. B. die Brüder Simon und Andreas bei ihrer Arbeit und sagt: Kommt, folgt mir nach. Und er sieht Jakobus und Johannes. Auch sie ruft er, mit ihm zu kommen. Mir scheint, dass dieses Ansehen sozusagen ein unausgesprochenes Du ist. Noch deutlicher ist das vielleicht bei Maria, die sagt: Gott hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Dass Gott mich anschaut, erlebe ich als Wertschätzung, manchmal auch als Beauftragung. Aber immer als ein Ernstnehmen meiner Person. Gott sagt mit seinen Augen Du zu mir. Er sieht mich an, nimmt mich wahr.

Dass ihr heute hier sitzt, hat seinen ersten Grund darin, dass Gott euch konkret und persönlich angesehen hat. Und er hat euch angeredet, zum Glauben eingeladen, zur Taufe, zum Abendmahl. Er hat gesagt: Du bist mein, und ich bin dein. Er hat euch berufen. Vielleicht hat er dazu auch Diakone angeregt, seinen Ruf noch mal konkreter zu unterstreichen. Ich wäre heute nicht hier, wenn mich nicht Diakone mit Moritzburg in Verbindung gebracht und mich angeregt hätten, über eine kirchliche Ausbildung nachzudenken.

Ich glaube, wir alle leben aus dem Du Gottes, dass er uns persönlich angeredet, angeschaut hat. Es ist ein liebevolles Du: Hier bin ich, und zwar für dich da. Und das motiviert mich dann auch zum diakonischen Handeln.

Das zweite Kapitel der Theologie des Du behandelt das Du der Vertrautheit, oder sagen wir: das Du des Herzens. Es war nicht nur so, dass Gott uns irgendwann einmal angeschaut hat, nein er war auf eine dauerhafte und immer tiefer werdende Gemeinschaft aus. Das, was er mit den Augen angeschaut hat, ist in sein Herz gewandert. Aus Zuwendung wurde Vertrautheit.

Und ich glaube, das war ein wechselseitiges Geschehen, auch wir haben ja zurückgeschaut, als Gott uns anschaute. Auch wir haben uns ihm zugewandt. Und wir haben ihn uns zu Herzen und ins Herz genommen. Das hat unser Beten vertieft, das hat uns befähigt, in den größten Stresssituationen zur Ruhe von ihm zu kommen.

Wenn Gott sagt: „Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.“, dann drückt das ja aus, dass Gott mich in sein Herz gelassen hat und auch darf ich ihn in mein Herz schließen. Das ist mein Anker in der Zeit, wie wir später noch singen werden.

Und wie heißt es so schön: Wes Herz voll ist, dessen Hände können nicht ruhen. Wir wollen Gott und den Menschen dienen. Vorhin haben wir Leitsätze des Selbstverständnisses von Diakoninnen und Diakonen im Großen Konvent beschlossen. Und so ist uns das Du von den Augen, durch das Herz in die Hände gewandert. Und damit sind wir beim dritten Kapitel der Theologie des Du: Das Du des Dienens.

Die Diakoninnen und Diakone haben die Aufgabe, die Christinnen und Christen an ihre Hände zu erinnern. Was kann man mit den Händen tun? Zeigen, Geben, Segnen, Trösten, Beten – welche Gesten habt ihr vielleicht noch?

Aber die Hände können auch schnell kraftlos werden. Sie brauchen das Auge und das Herz.

Und so ist es ein Leib der Diakonin und des Diakons. Mit Augen. Herz. Händen.

Und die Theologie des Du ist dreifältig wie Gott selbst. So wie Gott uns als sein Du anschaut, so vergewissert der Geist in unserem Herzen das Du-Sein. Und der Sohn gibt das Vorbild und die Kraft den Händen.

Es ist schon etwas Schönes, Diakonin und Diakon zu sein. Lasst uns Du sagen – zu Gott und zu den Menschen.

Der dreieinige Gott segne uns, in dem er uns immer wieder zum Du wird. So soll es sein.

Amen.

Thomas Knittel, Einsegnungsgottesdienst, Moritzburg 30. April 2022

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