von Stefanie Tatz

Predigt über Lukas 17,5-6

Treffen der Ehepartnerinnen, 12.9.2021, Moritzburg

5 Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! 6 Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein.

Liebe Gemeinde,

„Glaube ich? Glaube ich nicht? - Je länger ich sinne, desto weniger weiß ich’s.“ So beginnt ein Text von Joachim Dachsel aus dem Jahr 1986. Joachim Dachsel war Dozent am Diakonenhaus in Moritzburg. In diesem Jahr jährt sich übrigens sein Geburtstag zum 100. Mal. Generationen von Diakonen hat er geprägt, gewiss auch herausgefordert. Denn er konnte Glaubensgewissheiten auf den Prüfstand stellen. Manche meinten, er wolle ihnen mit seinen kritischen Fragen und seiner Art, Theologie zu lehren, den Glauben abspenstig machen. Andere gelangten wohl auch an den Punkt, wo sie fragten, ob ihrem Glauben eigentlich noch zu trauen sei. „Glaube ich? Glaube ich nicht? – Je länger ich sinne, desto weniger weiß ich’s.“ Aber kann denn das sein, dass man nicht weiß, ob man glaubt? Hören wir Joachim Dachsel noch etwas weiter zu.

„Ach Herr, ich glaube nicht. Wenn ich glaubte, so wäre mein Leben anders. Wenn ich glaubte, so traute ich dir gänzlich: ohne Zweifel und Wanken. Glaubte ich, so wäre ich ganz erfüllt von Liebe - von der Liebe, die die Furcht austreibt. Glaubte ich, so durchflutete mich deine Kraft.

Aber wie könnte ich zweifeln, wenn ich nicht glaubte? Wie könnte ich wissen, dass ich Leben die Fülle hätte im Glauben - wie könnte ich’s wissen, wenn ich nicht glaubte? Wie könnte ich wissen, dass ich Kraft empfangen könnte von dir? - Wie könnte ich’s wissen, wenn ich nicht glaubte? Wie könnte ich vor meinem Unglauben Zuflucht nehmen zu dir, wenn ich nicht glaubte?

Herr, ich bin nicht eins mit mir selber. Ich glaube nicht. Und ich glaube doch. Immerfort muss der Glaube meinen Unglauben unter sich bringen. Herr, reiße mich zu dir aus dem Andrang meines Unglaubens. Reiße mich los von allem Stolz meines Glaubens. Hilf, dass ich nicht auf meinen Unglauben starre und nicht auf meinen Glauben. Du bist es, der errettet, nicht mein Glaube.“

Diese Worte hat Joachim Dachsel als eine Meditation zu der Bibelstelle geschrieben, die lautet: ich glaube, hilf meinem Unglauben. Sie steht im Markusevangelium. In einer Heilungsgeschichte. Ein Vater hatte Jesus um Hilfe für seinen kranken Sohn gebeten. Jesus sagte: alles ist möglich, dem der glaubt. Und sogleich schrie der Vater: Ich glaube, hilf meinem Unglauben.

Ist der Glaube also ein unzuverlässiger Gesell, von dem man nicht weiß, ob er da ist, wenn man ihn braucht? Ich kann die Bitte verstehen, die unseren heutigen Predigttext einleitet: Stärke uns den Glauben! Der Glaube soll verlässlicher, zuversichtlicher, unverbrüchlicher werden, er soll halten in Belastungsproben. Das ist verständlich.

Jesus aber entspricht der Bitte nicht, so scheint es jedenfalls. Er sagt: wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn … 1 Milligramm Glaube würde also offenbar genügen. Denn das ist das Gewicht des sogenannten schwarzen Senfkorns, wie ich gelesen habe. Es hat einen Durchmesser von etwa 0,95-1,6 mm und ein Gewicht von etwa 1 mg. Etwas Kleineres kann man sich kaum vorstellen. Und das soll genügen? 1 Millimeter groß und 1 Milligramm schwer?

Mal angenommen, ich wäre einer unter den Aposteln, so wäre ich jetzt enttäuscht. Ist das eine Antwort auf die Bitte: Stärke uns den Glauben? Ich hätte mir eher erhofft, zu erfahren, wie ich einen Zentner Glaube bekomme, oder wenigstens ein paar Kilo. Wie soll da ein Milligramm genügen? Ein Tausendstel Gramm. Kann man das überhaupt sehen?

Und wie meint das Jesus überhaupt konkret? Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn. Hat mein Glaube noch nicht einmal dieses Mindestformat, ist er also aktuell noch kleiner als ein Senfkorn und müsste die Größe von einem Millimeter erst einmal erreichen? Das wäre ein bisschen deprimierend. Ein Glaube unter der Marke eines Milligramms. Und dann vielleicht einen Glaubenskurs belegen, der mich auf dieses eine Milligramm bringt. Oder will er sagen: Naja, eigentlich ist dein Glaube ja schon größer, so etwa 5-6 mm vielleicht. Aber wenn er nur ein Millimeter groß wäre, würde das genügen. Auch das wäre ein bisschen deprimierend. So oder so: das Senfkorn ist nicht gerade ein großes und erstrebenswertes Ziel.

Ihr Lieben, da ich Jesus nun schon eine Weile kennen, weiß ich: veralbern will er mich nicht. Es passiert gar nicht so selten, dass man diesen Eindruck hat. Da war mal einer, der war gelähmt und wollte gesundwerden, zu dem sagte Jesus: deine Sünden sind dir vergeben. Da war mal eine nicht so angesehene Frau, um es diplomatisch auszudrücken, die platzt in eine fromme Gesellschaft hinein, küsst die Füße von Jesus und salbt sein Haar. Und Jesus findet das auch noch gut. Und da war eine gewisse Martha, die müht sich in der Küche ab, während ihre Schwester nur rumsitzt. Und Jesus findet auch das gut. Also manchmal ist er wirklich ein bisschen schräg drauf. Aber wie gesagt, er denkt sich etwas dabei. Ich vermute sogar, er schmunzelt dann immer ein bisschen in sich hinein und freut sich über die gelungene Provokation. Ich sage: ein stärkerer Glaube wäre schon gut. Er sagt: ein Milligramm ist OK. Hat er mich nicht verstanden?

Ich wünsche mir doch bloß einen Glauben, dem ich mehr zutrauen kann. Der stabil ist, wenn mal eine Krise kommt. Der hält, wenn das Leben an ihm zerrt. Einen Glauben, der nicht ständig mit dem Zweifel kämpft. Ich glaube, möchte ich einfach sagen. Und diesen zweiten Teil: hilf meinem Unglauben, den will ich einfach mal streichen und nicht immer so hin- und hergerissen sein. „Glaube ich? Glaube ich nicht? - Je länger ich sinne, desto weniger weiß ich’s.“ Einfach sagen: ich glaube. Punkt.

Und dann stellte mir Jesus eine Frage, die steht nicht wörtlich im Bibeltext. Aber auf die lief die Sache hinaus. Die Frage lautete: Was hättest du mit einem stärkeren Glauben gekonnt? Diese Frage hatte ich mir noch nicht gestellt. Es war so sonnenklar: Stark muss der Glaube sein, hilfreich und gut. Bislang schien das Gegenteil der Fall: schwach ist der Glaube, kaum sichtbar, so dass man seine Anwesenheit gerade noch ahnen kann. Was hast du gekonnt mit einem starken Glauben? Willst du ihn ansparen für schlechte Zeiten? Eine Vorratskammer voll Glaubens für Hungerjahre? Willst du ihn als eine Versicherungspolice an einem geschützten Ort deponieren, sodass du in den dürren Jahren sagen könntest: ich bin gegen die Anfechtung versichert? Oder – seien wir ganz ehrlich – willst du damit auch ein bisschen imponieren? Zweimal schon zum Glaubenden des Monats gewählt. Aktivist des Gottvertrauens. Germanys next Believer?

Ok, jetzt spitzt Jesus wieder mal zu. Das wirkt jetzt wie eine Karikatur. Natürlich schließt keiner den Glauben im Safe ein oder hängt ihn neben den geräucherten Speck auf den Boden. Es hat auch noch niemand zu mir gesagt: Der nächste Glaubens-Contest geht an mich. Aber vielleicht ist da doch etwas dran: dass man manchmal an den Glauben glauben möchte. Wie hatte Joachim Dachsel geschrieben: „Du bist es, der errettet, nicht mein Glaube.“ Wieso denke ich bloß manchmal, dass an der Himmelstür der Glaube gewogen würde? Kann nicht der Glaube, den ich gerade im Moment habe, genügen?

Jetzt geht mir das Licht auf. Euch allen vermutlich schon viel länger, aber ich war begriffsstutzig. Der Glaube kann nicht abgemessen und gewogen werden. Der Glaube kann nicht auf sich selbst stolz sein. Ich komme noch einmal auf Joachim Dachsel zurück. In einem anderen Text hat er sich dazu geäußert, was eigentlich Glaube ist. Und da sagt er: manchmal wird das Wort so übersetzt: glauben heißt: ich verlasse mich auf dich. Und wenn wir das mal ganz wörtlich nehmen: ich verlasse mich. Nicht länger vertraue ich meiner Weisheit, meiner Power, meiner Überredungskunst. Ich vertraue auf Gott. Ich verlasse mich. Nicht länger setze ich darauf, dass mein Glaubenskapitel mir im Alter als Rente ausgezahlt wird. Ich verlasse. Heute. Hier. Und jetzt. Ich wende mich zu Gott. Ich schreie, flehe, flüstere, bitte: hab mich verlaufen, komme vermutlich zu spät, weiß grad nicht, was Sache ist.

Schwächer kann Glaube kaum sein. Aber genau so ist er. Wenn er nämlich stärker wäre, müsste ich mich ja nicht verlassen und zu Gott hingehen. Wenn er stärker wäre, wäre ich mir vielleicht sogar selbst genug. Und so muss der Glaube vielleicht sogar immer ein bisschen an der Grenze zur Unsichtbarkeit rangieren. Er ist gerade dann stark, wenn er schwach ist. Wenn er gerade mal noch die drei Worte hervorbringt: Herr, erbarme dich. Jetzt, kannst nur noch du helfen.

Der Glaube ist kein Schattenparker, Warmduscher oder Sonnenwanderer. Als Risiko des Gottvertrauens ist er wichtig, in den Momenten, wo nichts dafür zu sprechen scheint.

Stärke uns den Glauben, sage ich mit den Aposteln. Jesus sagt: Sorry, aber manchmal muss ich ihn auch schwächen, damit er genau das wird: stark, tragend, hilfreich.

Jemand sagte es mal so: „Der Glaube ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.“

Man kann den Glauben nicht ansparen, man muss ihn leben. Und plötzlich entfaltet er ungeahnte Kräfte.

Thomas Knittel

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