von Stefanie Tatz

So steht geschrieben bei Johannes im 13. Kapitel:
Christus spricht: Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.

Der Herr segne an uns sein Wort. Amen.

Liebe Gemeinde,

ich erinnere mich gern an eine Tagung der Ausbildungsleiter Evangelischer Diakonen­häuser Deutschlands 1992 in Rom. Nach Rom führen ja alle Wege, aber nicht alle Tage. Insofern war die Reise schon etwas Besonderes.

Wieder zu Hause entwickelt man dann all die inneren Bilder und Eindrücke. Ganz obenauf lagen in der Rückschau allerdings nicht der Petersdom oder das Kolosseum, sondern ein Vortrag des Waldenser Theologieprofessors Paolo Ricca. Er sprach zu dem Thema „Jesus als Diakon" und formulierte Sätze, so prägnant und provokativ, dass man sie nicht vergessen konnte. Er sagte: "Wir kennen Jesus unter vielen Gesichtspunkten: als Herrn, als Erlöser, als Retter, als Propheten, als Wundertäter, als Offenbarer, ... als wahrer Gott, als wahrer Mensch, als Weltrichter und so weiter. Nur, als Diakon kennen wir ihn nicht!" Und doch sei "Diakon" für Jesus nicht eine Bezeichnung unter anderen gewesen, sondern der "Hoheitstitel", den er am meisten geliebt habe.

Aber – so fuhr Ricca fort – „tatsächlich rufe die Kirche Jesus nie als Diakon an! Das sei kaum zufällig. Jesus, der Diakon, sei vergessen worden, weil er verdrängt worden sei. Und er wurde verdrängt, weil die Kirche nicht Diakonin sein wollte. Sie war bereit, Diakonie zu betreiben und hat es getan. Und zwar mit Ernst, Liebe und großem Einsatz. Aber sich als Leib eines Diakons zu verstehen, das vermochte sie nicht."

Ja, Diakonie betreiben mit Ernst, Liebe und großem Einsatz – das tat die Kirche von Anfang an. Das bestätigte ihr sogar der heidnische Schriftsteller Lucian von Samosata, als er im 2. Jh. über die Christen schrieb: "Ihr Meister hat ihnen befohlen sich zu lieben – und sie tun es auch!" Was als Spott gemeint war, gerät hier zum größten Lob für die junge Christenheit. Denn sie war darin dem Beispiel Christi gefolgt. Für Martin Luther habe Christus mit der Fußwaschung seinen Anhängern ja nichts anderes als das Gebot der Liebe gegeben. Keine Gesetze oder viele Bücher – allein das Gebot, seinen Nächsten in Liebe zu dienen.
Was Lucian also verspottete, war gewissermaßen die Fußwaschung der frühen Kirche an der damaligen Gesellschaft. Denn in einer anderen damaligen Quelle wird berichtet: „Die Witwen missachten sie nicht. Die Waisen befreien sie von dem, der sie misshandelt. Wer hat, gibt neidlos dem, der nicht hat. Wenn sie einen Fremdling erblicken, führen sie ihn unter ihr Dach und freuen sich über ihn wie über einen leiblichen Bruder.“
Die Segensspuren solcher Diakonie ziehen sich durch die gesamte Kirchgeschichte bis hin auch zu unserer Moritzburger Diakonengemeinschaft. Diakonie betreiben mit Ernst, Liebe und großem Einsatz ist wahrlich viel wert.

Die Provokation von Paolo Riccas Referat aber war die Erkenntnis, dass Kirche nicht nur Diakonie treiben, sondern Diakonin sein soll, so wie Christus in allem Diakon gewesen sei. Diakonie also nicht als Arbeitszweig unter anderem, sondern als Daseinsform. Als Diakon predigte Christus, als Diakon heilte er, als Diakon führte er Gespräche – und als Diakon beschritt er den Kreuzesweg. In all dem sei Christus Diakon gewesen. Man könne ja mit allem sogar herrschen, fügte Paolo Ricca hinzu, sogar mit der Liebe!
Mit allem auch herrschen? Sogar mit der Liebe? Alle horchten auf – auch ich. Plötzlich ging es nicht nur um Handlungen, sondern um Haltungen und Motive! In der Tat: Ich kann in all meinem Tun und Reden auch ganz bei mir sein, bei dem guten Gefühl, gebraucht oder anerkannt zu werden. Vielleicht nicht ganz so selbstbezogen wie König Lear, der zu seinen Töchtern spricht: „Alles habe ich euch gegeben, alles seid ihr mir schuldig“. Und vielleicht auch nicht so krass wie die alten Germanen, die in ihrer Sprache nicht einmal ein Wort für „dienen“ oder „Demut“ hatten, die sprachlich zusammengehö­ren, – so sehr grenzten sie diese Gesinnung für sich aus.

Wie sollen wir also dem Beispiel Christi folgen mit unseren so zwiespältigen Motiven und gar nicht so eindeutigen Haltungen?

Hilfreich ist mir hier die kleine Szene, als Petrus sich der Fußwaschung durch Jesus ver­weigern will. Jesus entgegnete ihm, er habe dann aber keinen Anteil an ihm. Also geht es gar nicht nur um die äußere Waschung der Füße, sondern um den Anteil an Christus, um die Beziehung zu ihm. Wenn das so ist, wollte sich Petrus gleich alles waschen lassen – Füße und Hände und Haupt. Doch hier gilt schon, was Jesus kurze Zeit später so sagt: „Ihr seid schon rein und um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.“ (Joh 15,3)
Es ist also bei der Fußwaschung wie bei der Taufe: Wasser allein tut’s nicht. Das Wort Christi ist mehr als Fußpflege, es ist Beziehungspflege. Es ist das Wort, das uns Anteil an Christus gibt. Es ist das schöpferische Wort, das in uns erschafft, was es sagt. Es reinigt unsere Motive, es klärt unsere Gedanken, es verwandelt unsere Herzen.

In diesem Sinne gab die Psychologin Hanna Wolf gelegentlich ihren Patienten bis zum nächsten Termin nur ein einziges Wort mit, ein Jesuswort, ohne dass ihr Gegenüber wusste, von wem es stammte. Und diese erzählten dann oft erstaunt, was dieses Wort in ihnen löste oder auslöste.

Gegenwärtig erleben wir eine Deformation gerade auch in unserer Sprache. Sie ist nicht nur Quelle aller Missverständnisse, was sie immer schon war, sondern sie verroht und wird hart, sie verdächtigt und klagt an. Und auch das schafft eine Wirklichkeit! Als Christen aber sollen wir der Stadt Bestes suchen. Es gibt nichts Besseres, als die Stimme Christi zu Gehör zu bringen. Die Worte Christi wachzuhalten, ist eine wichtige Art gesellschaftlicher Diakonie, unsere Sprache und unser Denken zu heilen, Herzen zu verändern und Gewissen zu formen. Da müssen wir gar nicht zu allen Themen Stellung nehmen.

Das kann ganz unscheinbar geschehen, wie mir ein alter Moritzburger Diakon erzählte. Ein junger Mann habe sich vor Jahrzehnten hier am Diakonenhaus zur Ausbildung beworben. Er erzählte der Bewerbungskommission, dass er erst vor kurzem getauft worden sei. Neugierig geworden, fragte man ihn nach seinem früheren Leben. Es kam die Geschichte eines tief verletzten Menschen zutage, der – so lang er sich erinnern kann – nie wirklich angenommen wurde. Nicht im Elternhaus – der drohende Satz des Vaters: „Aus dir wird sowieso nichts“ war wie eine sich selbst erfüllende Prophetie. Auch später nicht in der Brigade, in der er als Maurerlehrling arbeitete. Überall blieb er der Außen­seiter. Dann aber war seine Firma an einem Hausbau beteiligt. Dessen Eigentümer lud nach Fertigstellung zu einem Fest ein. Als das Fest beginnen sollte, blickte er in die Runde und sah alle – nur den jungen Mann nicht. „Ach, der sitzt in der Kneipe.“ Die Briga­de hatte ihn ausgeladen. „Ich bitte Sie herzlich, dass einer hingeht und ihn holt.“ Als um Mitternacht alle gegangen waren, meinte der Hausbesitzer zu dem jungen Mann: „Sie sind eine Stunde später gekommen, dafür können sie gern noch etwas bleiben.“
Da saßen sie – das erste Mal, dass sich einer für ihn interessierte. So entstand eine Freundschaft. Eines Tages fragte der junge Mann: „Sie kennen mich nun, Sie wissen alles von mir. Warum kümmern Sie sich eigentlich um mich?“ Der andere sagte: „Mein Herr verachtet niemand.“ Auf diesen Herrn wurde er neugierig, auf dessen Namen wollte er getauft werden und diesem Herrn wollte er schließlich dienen.

Das war ein Dienst der Fußwaschung – nicht mit Wasser und Seife, sondern mit Wahr­nehmung, Zuwendung und Wertschätzung.

Und das geschieht im ehrenamtlichen und im hauptamtlichen Dienst, zu dem Ihr heute eingesegnet werdet. Wohin auch immer Ihr gesendet werdet: Lasst euch von Christus dienen, damit Ihr anderen dienen könnt. Lasst sein Wort reichlich in Euch wohnen, denn in diesem Wort atmet sein Geist – jene kreative Kraft, die uns nicht nur zu Mitarbeitern, sondern zu Nachfolgern Christi macht. Amen.

Pfr. i. R. Johannes Berthold, Moritzburg (2008-2018 Vorsitzender des Sächsischen Gemeinschaftsverbandes) hielt diese Predigt im Rahmen des Gemeinschaftstages 2021 während des 3. Einsegnungs-Gottesdienstes am 30. Mai 2021

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