von Stefanie Tatz

Liebe Gemeinde, in Nah und noch näher hier in der Kirche,

da gibt es so einen mittelmäßig guten Witz, in dem ein bibeltreuer Mensch Wegweisung fürs Leben sucht.
Er bittet Gott, dass der ihn konkret anspricht durch ein Bibelwort.

Dann schlägt er mit geschlossenen Augen die Bibel auf, ziemlich am Anfang, und liest bei Mose: Nimm deinen einzigen Sohn und opfere ihn auf einem Berg.
Weil er aber auf dem flachen Land lebt, denkt er, das kann nicht die richtige Botschaft sein, schlägt die Bibel nochmal auf, sein Finger liegt bei Matthäus 27, und dort steht über Judas: Und er erhängte sich.

Auch das kommt ihm komisch vor, Gott ist ja ein lieber Gott und aller guten Dinge sind Drei.
Darum schlägt er nochmal nach und liest:  Nun gehe hin und tue desgleichen.

Wir sehen, das willkürliche Herauspuzzlen biblischer Botschaften kann uns an Grenzen bringen, auch an die unserer Existenz. Und doch wird im großen Befund biblischer Bilder eine Haltung deutlich, die Glaubende entwickeln können – Diakone und Diakoninnen umso mehr.

Die Sache mit dem Barmherzigen Samariter ist so ein Klassiker zur Begründung diakonischen Denkens.

Lukas, der diakonische unter den Evangelisten, wie Thomas Knittel am Philippus-Institut gern lehrt, zeigt dabei besonders die Verbindung aus Herz – Haltung – Handlung auf. Lukas hat gern die im Blick, auf die die anderen sonst nicht so schauen, und holt sie vom Rand mitten in die Mitte.

In der Geschichte heute finde ich vier diakonische Grundhaltungen:

1. Es war ein Mensch. Es geht um den Menschen.

Da ist einer, der braucht Hilfe und ist schon halb tot. Und da sind fromme Leute, die wissen müssten, was zu tun ist und was sich um Gottes Willen gehört.  Doch die tun nichts und gehen un-erhört weiter.

Und ich frage: Bin ich’s, Herr?

Abgesehen von einer sozial erwünschten Antwort kann ich mir da gar nicht so sicher sein, dass ich es nicht bin

Wie oft habe ich es eilig und ach so viel zu tun, der Kalender ist voll und ich bin spät dran, da möge mir nichts in die Quere kommen und schon gar keiner, der offensichtlich Zeit braucht, Geld und Energie.
Vielleicht haben der Priester, der Levit oder ich auch ein gutes Hemd an –
und wer will schon seine weiße Weste mit Blut beschmieren oder mit Dreck, dann guckt man schnell weg und wäscht seine Hände in Unschuld nach Pilati Entwurf.

Doch dann hält doch jemand an – ein Fremder, den keiner leiden kann. Ein Nichtchrist vielleicht, ein Nichtdiakon, einer, der nicht in meine Sozialblase passt. Ausgerechnet dem tut der Leidende leid, es barmt ihm das Herz – und er tut barmherzig das, was in Gottes Namen zu tun ist.
Jesus hat hier in seiner Geschichte klar den Menschen im Blick und nicht ein Dogma.
Ganz diakonisch.

2. Er hob ihn auf sein Tier und brachte ihn hin. Es geht um das Verbindungen schaffen.

Ich habe überlegt, wer eigentlich der Diakon in der Geschichte sein könnte. Und ich denke mir: Vielleicht sind Diakone Esel. Vielleicht sind wir nicht so schriftgelehrt wie ein Priester, der Leviten liest und nicht so systemfremd wie der Mann aus Samarien.
Vielleicht sind wir aber die Verbindung zwischen Problem und Hilfe – so wie das Lasttier.

Der Theologe John Collins spricht beim biblischen Diakonat genau davon. Die Rede ist von "Go between": vom Dazwischen-Gehen, von Botengängen für den Auftraggeber und vom Vermitteln, Verkündigung und Leiten in Verantwortung. Den Botengang übernimmt das Lasttier.
Sehr diakonisch.

3. So geh hin. Es geht ums Losgehen.

Wie oft hadern wir und fragen uns, wohin wir gehen sollen und ob überhaupt. Dann reden wir viel drüber, finden Argumente und noch mehr Leute, die uns darin bestätigen, erstmal gar nicht zu tun. Denn weil vieles so kompliziert zu entscheiden ist, bleiben wir am liebsten gemütlich sitzen.
Jesus aber lässt uns eben nicht sitzen, er macht uns Beine, hilft uns hoch und bringt uns in Bewegung. Auch durch solche Geschichten.

Wer gern geht, pilgert oder sich sonstwie ausdauernd bewegt, weiß:

In der Bewegung liegt die Kraft.

Ich selbst bin so ein Geher
Meine Erfahrung ist: IM GEHEN GEHT’S
Im Gehen setzt sich vieles. Im Laufen legt sich manches. In der Bewegung komme ich zur Ruhe und an, bei mir und bei dir und bei Gott.
Darum kann ich ganz im Vertrauen einfach los - gehen:
Hügel, hoch, hell; Täler, tief, trüb. Im Wissen, Gott geht mit. Darum geht‘s.
Auch diakonisch.

4. Tu desgleichen. Es geht um die Tat.

Als ich neu im Dienst war, habe ich in Leipzig in einer großen WG mit lauter Christen gelebt. Da waren meist viele Leute in der Küche, wir hatten oft Zeit und noch mehr zu erzählen. Es ging um viele Visionen und pralle Projekte und meistens ist nie etwas daraus geworden. Ich habe mir manchmal gewünscht, dass wir Küchenstuhl und Früchtetee beiseiteschieben und einfach mal tun: Aufstehen, losgehen und selbst anpacken. Aus dem Gesagt ein Getan machen.

Inzwischen weiß ich, alles hat seine Zeit.
Trotzdem leide ich auch heute daran, wie viel Zeit wir in der Kirche für Besprechungen und Beratungen, Tagungen und Thesen, Konferenzen und Kollektivkonfliktkommunikation brauchen – und freue mich immer über echte Basisarbeit.

Und ich habe hohen Respekt vor denjenigen, die ohne viel Gelaber - mittelmäßig bezahlt - einfach die nötigen Dienste tun, ohne viel darüber nachzudenken, was das jetzt mit ihnen macht – ob man vielleicht gerade lieber eine Mikroauszeit oder einen Marmeladenglasmoment hätte, ob der Dienst die "quality time" stört oder überhaupt mehr "self care" dran wäre.
Ich habe Respekt vor den Leuten, die nach Jesu Paradigma einfach das tun, was getan werden muss: der Dienst im Altenpflegeheim, in der Notaufnahme, beim Dreckwegmachen und überhaupt außerhalb von Komfortzonen agieren. So wie der Mann aus Samarien.
Richtig diakonisch.

Liebe Gemeinde, Jesus sagt: So geh hin und tu desgleichen!

Er sagt das im Blick auf den Nächsten, wir hören das auch mit Blick auf Jesus selbst – und das Kreuz.
Das Kreuz ist für mich ein wunderbares Symbol für das, was das Diakonen-/Diakoninnensein eigentlich meint:

Vertikale Dimension:

  • Verbindung von mir zu Gott, von Gott zu mir, zwischen Himmel und Erde
  • in der Erde gegründet, damit wir auf dem Boden bleiben und wissen, wo unsere Aufgabe ist
  • nach oben hin offen, orientiert zum Himmel hin

Horizontale Dimension:

  • Verbindung zu den Menschen, zum Nächsten und zur Übernächsten
  • gelebtes Christsein, auch ins Gemeinwesen hinein,
  • Kommunikation des Evangeliums, wenn es sein muss auch mit Worten

Beides kommt im Amt und Dienst des Diakons und der Diakonin zusammen und weist auf den hin, in dessen Nachfolge wir diesen Dienst tun. Für die Welt und in der Welt am Reich Gottes zu arbeiten, das meint Diakon-/Diakoninsein. Die Verbindung aus Glauben und Gewissen, Wort und Werk, Text und Tat, Kopf, Hand und Fuß vereint mit dem Auftrag,
loszuGEHEN und das je Nötige zu TUN.

Dabei geht es

  1. um den Menschen,
  2. um das Verbindung schaffen,
  3. um das Losgehen,
  4. um die Tat.

Jesus selbst gibt uns dafür Beispiele, ER geht uns voran und wir folgen ihm nach. Seine Fußtapfen sind dabei oft zu groß, als dass wir hineintreten und Schritt halten können. Sie sind darum so groß, dass wir die Richtung nicht aus den Augen verlieren.

Lasst uns darum uns immer neu vornehmen, hin zu gehen und die je nötigen Schritte zu tun.

In Gottes Namen. Amen.

Diakon Tobias Petzoldt, Dresden (Leiter des Philippus-Instituts für Berufsbegleitende Studien in Gemeindepädagogik und Diakonie) hielt diese Predigt im Rahmen des Gemeinschaftstages 2021 während des 2. Einsegnungs-Gottesdienstes am 30. Mai 2021

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