von Stefanie Tatz

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Ame Lasst uns in der Stille um den Segen der Predigt bitten.

Der Predigttext ist ein Satz aus dem Matthäusevangelium im 23. Kapitel: Einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.

Liebe Schwestern und Brüder,

der Predigttext muss Ihnen vertraut sein. Einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. Wenn Sie ins Brüderhaus kommen, steht er links oben im Eingangsbereich auf einer Holztafel. Genauer muss ich sagen, er steht nicht im Vater-Höhne-Haus, auch nicht im Rektor-Schumann-Haus. Er steht im Rektor-Rühle-Haus. Einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.

Ich stelle mir nun einen stillen Beobachter vor, der das Gehabe seinerzeit im Brüderhaus ein paar Tage beobachtet hätte, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wer denn hier nun der eine, der Meister ist. Er hätte ganz schnell gewusst, wer der Meister ist, nämlich der Herr Rektor. Der Herr Rektor war ganz eindeutig herausgehoben aus dem Kreis der Brüder. Er war eben ein höheres Wesen. Das zeigt sich schon daran, dass einer aus dem brüderlichen „Du“ ausgenommen war. Er war eben der Herr Rektor.

Zu Beginn meines Dienstes in Moritzburg meinte ich ja, das sei noch ein alter Zopf, wie die Tatsache, dass wir eine Brüderschaft bildeten. Nein, im Kreise der Brüderhausvorsteher­konferenz erfuhr ich dann, dass das fast überall so war. Der Herr Rektor oder der Herr Vorsteher oder der Herr Direktor, klar, alles Männer, waren mit der Anrede „Sie“ in ihrer Brüderschaft unterwegs.

Das erlebte ich gleich am Anfang meines Dienstes ganz hautnah. Ich war damals 39 Jah­re alt, noch recht jung für einen „Herren Rektor“. Ich besuchte den Bruder Tümpel in Lößnitz zu seinem 75. Geburtstag, spielte ihm auf der Trompete ein Lied und fand Einlass. Ich überreichte meine Blumen und dann entspann sich ein köstliches Gespräch. Er redete mich klar mit Du an und so erwiderte ich auch in der Du-Form. Dann sah er mich an und fragte: „Wer bist Du denn dann in Moritzburg?“ Ich antwortete in aller Gelassenheit: „Der Vorsteher, der Rektor!“ Da sprang Bruder Tümpel auf, nahm militärische Haltung an und erklärte: „Da muss ich ja „Sie“ zu Dir sagen!“ Wir lachten beide und setzten nun das Ge­spräch natürlich in der Du-Form fort, wenn wir auf diesem Weg zueinander schon einmal so weit vorangeschritten waren. Ich merke es manchmal jetzt noch, wenn ich als Nicht­mehr-Vorsteher, als Alt-Vorsteher meinen Brüdern und Schwestern begegne. Manchen fällt es schwer, mich in den Kreis derer aufzunehmen, die das brüderliche Du untereinan­der gebrauchen, nun das geschwisterliche Du.

In Rummelsberg hatte ich seinerzeit ein Gespräch mit jungen Diakonen, die mich duzten. Als ich ihnen sagte, dass ich in Moritzburg der „Herr Rektor“ sei, reagierten die Diakone voller Peinlichkeit und brachen das Gespräch ab. In Rummelsberg war und ist manches noch steiler, der Unterschied noch größer: Einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.

Wie markant die Unterscheidung war, erzählte mir letztlich einer der Brüder, der als Kind mit dabei war, wenn aus der Bäckerei des Hauses in Rödern die Weihnachtsstollen abge­holt wurden. Da gab es drei Qualitätsstufen: Eine Sorte war ausschließlich für die Familie des Herrn Rektor bestimmt. Die nächste Sorte war für die Brüder und die Angestellten vorgesehen. Die dritte Sorte bekamen die Zöglinge. So sah das aus, dass einer Meister war, andere dann Brüder und wieder andere einfach nur Zöglinge.

Ich bin Thomas Knittel richtig dankbar, dass er ausgerechnet diesen vertrauten Bibelvers für meine Predigt ausgewählt hat. So hatte ich in den letzten Wochen gut die Möglichkeit, darüber nachzudenken, wie das so mit der Hierarchie in den Brüderhäusern war, in den Diakonengemeinschaften ist. Wie das war und wie das ist mit dem Verhältnis der Pfarrer zu den Diakonen.

Die Frage der Hierarchie in der Kirche ist hochspannend. In der Geschichte war sie in der Regel für „die Brüder“ belastend. Natürlich wurde in den Sonntagsreden von den Pfarrern immer davon geredet, dass selbstverständlich alle Christen Gleiche seien. Einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. In der Predigt wusste der „Herr Pfarrer“ noch, dass mit dem einen Meister unser aller Herr und Heiland Jesus Christus gemeint war. Aber danach war wieder klar: Aber bei uns herrscht Ordnung. Und da leitet nicht etwa ein Kirchenvor­stand die Gemeinde, sondern der Herr Pfarrer. So war das zumindest. Und ich fürchte, es ist nicht überall Geschichte.

In meinem Dienst habe ich manch bittere Erfahrung mit Pfarrern gemacht, wenn die Diakone oder auch die Diakoninnen nicht „gehorchen“ wollten. Ich kann mich allerdings nicht daran erinnern, dass ich diese Probleme mit Pfarrerinnen hatte.

Sie wissen, ich trage gerne meine Diakonennadel. Da bin ich dann manchmal von Pfarrern verwirrt gefragt worden: „Sie sind Diakon? Sie tragen doch die Diakonennadel?“ Dann habe ich ihnen bestätigt, dass ich Diakon sei. Nun bin ich sogar zur Gemeinschaft berufen. Dann kam die Rückfrage: „Aber Sie sind doch Pfarrer!“ Auch das konnte ich ihnen bestätigen. Ich habe dann festgestellt, dass ich in Moritzburg zum Diakon geworden bin. Dann kam die verblüffte Reaktion: „Ja, geht denn das?“ Ich verstand, ein Diakon mag wohl Pfarrer werden, wenn er dann noch ordiniert wird. Aber kann ein Pfarrer Diakon werden? Die Botschaft war: „Das wäre doch ein Abstieg!“ Als ob es im Amt der Kirche Hierarchien geben könnte. Mit OLKR Daniel im Landeskirchenamt waren wir uns einig: Ein Diakon oder eine Diakonin, die den Dienst eines Pfarrers, einer Pfarrerin ausübt, braucht nicht ordiniert zu werden, sie sind doch eingesegnet in das Amt der Kirche. So wie die Diakonisse Esther Selle eben nicht eingesegnet wurde in das Amt einer Diakonin, weil die Einsegnung als Diakonisse im Amt der Kirche voll gültig ist. Bruder Daniel bekannte dann aber: „Soweit sind unsere Kirchen noch nicht!“

Und doch werden Sie sich erinnern, dass ich in meiner Dienstzeit als Vorsteher der Gemeinschaft Moritzburger Diakone und Diakoninnen mit der großen Mehrheit der Schwestern und Brüder bei der Anrede in der Sie-Form geblieben bin.

Weil Hierarchie eben nicht nur ein alter Zopf ist. Jede Institution, auch jede Gemeinschaft, braucht ihre Ordnung und braucht ihre Regelungen, wer wann was zu sagen hat. Die Ordnungen unserer Gemeinschaft halten fest, dass der Vorsteher schon ein Erster ist und im Ernstfall auch das Sagen hat. In unseren Ordnungen ist das gut abgefedert, der Vorsteher kann nicht zum Diktator werden. Und ich kann mich an die wenigen Fälle gut erinnern, in denen ich ex cathedra ein Machtwort sprechen musste. Gott sei Dank haben Sie es dann auch so angenommen, wie es gemeint war.

In der Welt, auch in geistlichen Gemeinschaften bedarf es der Hierarchie, denn Struktur, Ordnung, auch Hierarchie dient. Sie dient, wenn sie recht gelebt wird, wenn sie in einem dienenden Geist gelebt wird. Wenn sie in dem Geist gelebt wird: Einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. Und der Meister ist allein unser Herr und Heiland Jesus Christus. Ein Vorsteher, ein Rektor, ein Direktor muss das wissen, ich kann das alles gleichberechtigt auch in der weiblichen Form benennen, das ist tatsächlich gleich, es ist nur zu gut berechtigt. Er oder sie muss viel mehr das tief verinnerlichen, dass nicht er der Meister oder sie die Meisterin ist. Die Schwestern und Brüder sind da nicht so in der Gefahr, sich zu verbiegen. Aber der, der in einer Hierarchie eher oben landet, muss sehr auf sich selbst achten, nicht verbogen zu werden. Es ist doch so schön, es ist doch verlockend, oben zu sein. Die anderen sind dann logischerweise unten. Wenn ich oben von der Kanzel predige, ich ziehe mir das vor, dann doch allein aus dem Grund, dass die Kanzel der Ort ist, von dem aus die Gemeinde den Prediger akustisch am besten verstehen kann. Ich stehe nicht über Ihnen. Das Bild von der Kanzel beschreibt sehr anschaulich, dass Hierarchie dient, den Menschen, den Schwestern und Brüdern dient.

Wenn ich da in der Vergangenheit gefehlt habe, das ist in meiner Eitelkeit ganz bestimmt geschehen, dann bitte ich in aller Form meinen Herrn und Heiland, meinen Meister, und Euch, die Schwestern und Brüder, um Vergebung.

Dass es ordnungsgemäß Unterschiede geben darf, liegt an den Begabungen. Natürlich hatten wir in unserer Gemeinschaft Schwestern und Brüder, die sehr unterschiedlich begabt waren. Wir hatten in unserer Gemeinschaft Brüder, die waren begabt, einfache Hausmeisterdienste zu tun. Mein Vorgänger hat mir da einen besonders an Herz gelegt. „Der muss immer besonders unter Deinem Schutz stehen“, sagte er. Andere wurden Pfarrdiakone und in der Regel waren es hervorragende Pfarrer, die Gemeinden schätzten sie besonders. Einer wurde als Diakon sogar Superintendent. Das liegt eben an der Bega­bung. Und ich hatte die Begabung, leidlich Vorsteher zu sein. Nun neigen wir Menschen gern dazu, uns in unserer Eitelkeit die Begabungen selbst zuzurechnen. Eitelkeiten sind Nichtigkeiten. Schauen wir uns das Wort an, wissen wir Bescheid. Begabungen sind Gaben, sie sind uns gegeben, Geschenke, Geschenke Gottes an uns, zu denen wir nichts dazutun können, als sie in größtem Fleiß einzusetzen. Sie wissen, wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

Und Paulus hält uns klar vor Augen, die Gnadengaben Gottes sind vor Gott und damit auch vor den Menschen gleichwertig. Man kann als Hausmeister seinen Dienst gut und schlecht machen. Man kann als Vorsteher seinen Dienst gut und schlecht machen. Wie wir mit Gottes Begabungen umgehen, das ist die Frage. Und jeder muss mit seinen Talenten wuchern, nicht die Talente anderer beneiden.

Ihr lieben Schwestern und Brüder, so war es mir oft eine Freude, in meinen Begabungen meinen Schwestern und Brüdern zu Dienste zu stehen. Ich sehe, dass Gott uns oft mit seiner Gnade beistand. Und so verstehen wir vor allem im Rückblick: Einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Pfr. i. R. Friedrich Drechsler, Meißen (1995-2016 Vorsteher am Ev.-Luth. Diakonenhaus Moritzburg) hielt diese Predigt im Rahmen des Gemeinschaftstages 2021 während des Gottesdienstes zur Ehrung der Jubilare am 28. Mai 2021

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