von Stefanie Tatz

Gedanken zum Lehrtext in den Herrnhuter Losungen für Freitag, den 3. April 2020

„Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“
Epheser 5,8-9

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

besondere Zeiten fordern uns zu einem besonderen Handeln heraus. Eigentlich hätte ich heute die Andacht im Bachhaus und im Seniorenzentrum gehalten. Aufgrund der aktuellen Corona-Krise ist das leider nicht möglich.

Trotzdem soll die Andacht nicht einfach ausfallen. Vielmehr stelle ich sie hiermit in anderer Form zur Verfügung.

Licht. Wie wichtig das Licht ist, habe ich erst letztens wieder sehr deutlich bemerkt. Ich hatte ein paar Tage Urlaub. Verreisen war nicht möglich. Im Fernsehen wurde mir gesagt: Das Beste ist, du bleibst zu Hause. Und so dachte ich, es wäre mal wieder an der Zeit, ein Puzzle in Angriff zu nehmen. 1000 Teile.  Das war sicher etwas kühn, denn ich muss zugeben, ich habe mehr als eine Woche (deutlich über die Urlaubszeit hinaus) gebraucht, um das Puzzle fertigzustellen.

Und das, obwohl ich über Tage hin beinahe Tag und Nacht daran gearbeitet habe. Das Puzzle, welches übrigens eine Alpenlandschaft abbildet, erwies sich dadurch als sehr schwierig, dass die einzelnen Teile sich immer wieder verdächtig ähnlich sahen. Auch von ihrer Form her waren sie oft nicht eindeutig, so dass ich immer wieder unsicher sein musste, ob ich das richtige Teil an der richtigen Stelle eingepasst hat. Dazu kamen auch noch die Lichtverhältnisse, die das Vorankommen manches Mal erschwerten. Es gab Zeiten, da habe ich gefühlte zehn oder fünfzehn Minuten nach einem bestimmten Teil gesucht. Manchmal habe ich den Tisch, auf dem meine Puzzleteile ausgebreitet waren, näher ans Fenster gerückt. Aber schon hatte die Sonne sich weiter bewegt oder sie war schließlich untergegangen.

Man müsste einfach mehr Licht zur Verfügung haben, dann würde es vielleicht schneller gehen. Wie oft habe ich diesen Gedanken in mir bewegt. Hinzu kam mein schlechtes Gewissen, denn meine Frau hatte ihr Puzzle, das sie parallel zu mir „bearbeitet“ hatte, längst fertig. Und nun wollte sie mir natürlich helfen, was aber mit meiner Abneigung gegen Mitwirkende beim Puzzlen kollidierte. Zusammengefasst: eine ziemlich angespannte Situation, obwohl es eigentlich Urlaub sein sollte.

Sie stand in ziemlich genauem Gegensatz zu dem, was heute als neutestamentlicher Vers in den Herrnhuter Losungen steht. „Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“

Das klingt erst einmal recht altertümlich, denn „wandeln“ – das ist nicht unser Sprachgebrauch. Aber wie mein Puzzle–Beispiel zeigt, ist es offenbar ziemlich aktuell. Licht wird gebraucht. Wie aber geht das, wozu ich hier ermahnt werde? Es ist ja schon ein ziemlich hoher Anspruch: wandelt als Kinder des Lichts. Im Vergleich dazu war mein Puzzle mit den 1000 Teilen vermutlich eher ein Kinderspiel.

Hilfreich ist es, wenn wir etwas genauer hinschauen und auch den Zusammenhang dieser Worte mit beleuchten. Denn so wie der Satz hier in den Losungen steht, ist er abgeschnitten. Ihm geht nämlich eine Feststellung voraus. Diese lautet: „Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.“

Ihr seid. Das wird den Christinnen und Christen in der Stadt Ephesus gesagt. Ihr seid Licht in dem Herrn. Ich vermute, dass dies eine Anspielung auf die Taufe ist. Sie besagt: In dem Moment, wo ihr in die Gemeinschaft mit Jesus Christus aufgenommen wurdet, ist euch die Tür in einen lichtdurchfluteten Raum aufgetan worden. Der Glaube an Jesus Christus hat euer Leben hell gemacht. Das ist eine Feststellung. Und ich glaube, gerade in diesen heutigen Zeiten können wir von einer solchen Feststellung zehren. Ihr seid Licht in dem Herrn. Im Glauben an Jesus Christus haben wir ein Licht zur Verfügung, das nicht von uns selbst erzeugt wurde. Ja, es wird sogar gesagt, dass wir das Licht nicht nur haben, sondern dass wir Licht sind. Das ist eine sehr interessante Formulierung. Denn wenn wir etwas haben, dann kann uns dieses auch genommen werden. Das spüren wir ja gerade in diesen Tagen sehr deutlich. Das aber, was wir sind, das kann uns keiner nehmen. Es gibt ja die sprichwörtliche Redewendung: Ach, ich bin ja nur ein kleines Licht. Aber wenn wir diese Aussage ganz genau betrachten, dann sagt sie zugleich auch: immerhin bin ich ein Licht. Es ist gar nicht so wichtig, wie viel Leuchtkraft wir haben. Jede und jeder ist in der Verbundenheit mit Jesus Christus ein Licht ganz eigener Art. Und dieses Licht ist wertvoll und wichtig.

Nachdem ich also diesen Vorspann wahrgenommen habe, erscheinen mir die folgenden Worte in neuem Licht. Der Auftrag „Wandelt“ ist dann kein Leistungsanspruch, sondern eine Erinnerung an das, was mich trägt. Mein Glaube ist ja nichts, was ich mir sozusagen erarbeitet hätte. Glauben kann ich, weil Jesus Christus - im Bild des Epheserbriefs gesprochen - den Lichtschalter betätigt hat. Und das trägt mich gerade in Zeiten, die schwer zu tragen sind. Wandelt als Kinder des Lichts. Für mich heißt das: Erinnere dich an das, was du bist. Ein Geschöpf Gottes, für das Gott gerade in schweren Zeiten eintritt. Ein Getaufter, mit dem Jesus Christus sich verbündet hat. „Kinder des Lichts“ heißt es. Zum Kind kann man sich ja nicht selbst machen. Das Wort Licht ist hier eine Umschreibung für Gott. Aus seiner Gnade und Liebe heraus bin ich geboren.

Und dann wird da noch von den Früchten des Lichts gesprochen, auch das ein interessantes Bild. Denn Licht ist ja kein Same, der in die Erde gebracht wird und dann Äpfel, Birnen oder anderes wachsen lässt. Das Bild soll offenbar ausdrücken, dass das Licht eine ihm eigene Kraft hat, so wie der Same, der die Früchte potentiell schon in sich trägt. So gesehen sind die „Früchte des Lichts“ nicht das, was ich leiste, sondern das, was mir geschenkt wird, wenn ich die Strahlen des Lichts spüre.

Der Epheserbrief spricht hier ziemlich philosophisch. Einerseits bin ich Licht, andererseits bin ich es wiederum nicht. Sondern ich bin ein Kind des Lichts und darf seine Früchte kosten. Ich übersetze das mal so: das, was ich bin, bin ich nicht durch mich selbst. Gott hat mich geschaffen, Gott hat mich begabt, Gott hat mich auch mit meiner konkreten Arbeit betraut. Aber genau das bin ich. Das kann mir auch keiner nehmen. Wandelt als Kinder des Lichts heißt dann: Seid das, was ihr seid – Geschöpfe Gottes, beauftragte Anwälte des Lebens. Jede und Jeder kann die Welt mit den Früchten des Lichts bereichern, mit Güte, mit Gerechtigkeit, mit Wahrheit. Das letztgenannte ist vielleicht das Schwerste, denn es ist für viele nicht leicht, sich selbst zu bejahen, denn dazu gehören auch die Schwächen, die Fehler, vielleicht sogar auch Schuld. Wahrheit heißt, seine Grenzen zu bejahen. Ich persönlich denke, dass genau hier die große Chance des Glaubens liegt. Wenn ich glauben kann, dass Gott mich geschaffen hat, dass er mich in schweren Zeiten trägt und dass er immer wieder vergebungsbereit ist, dann lässt mich das meine Grenzen aushalten, vielleicht sogar bejahen. Ich spüre dann ein Stück Freiheit. Es ist für mich eine Freiheit zum Dienen. Der Glaube will mir die Augen öffnen für die Menschen, die Hilfe brauchen. Der Glaube will mir helfen nachsichtig mit den Schwächen anderer zu sein. Der Glaube will mir helfen, mein Leben nicht am persönlichen Zugewinn auszurichten, sondern an der solidarischen Gemeinschaft der Geschöpfe Gottes. Güte und Gerechtigkeit. Ich übersetze diese Worte mit Wohlwollen einerseits und Sinn für Gemeinschaft andererseits. Das Wohl des Mitmenschen wollen – das ist Güte. Die Gemeinschaft suchen und bewahren – das ist Gerechtigkeit.

Köstliche Früchte sind das, die hier benannt werden. Leider scheinen sie rar und überaus selten. Aber bei Lichte besehen sind sie das nicht. Güte, Gerechtigkeit, Wahrheit sind Früchte des Lichts, des Lichts, das Gott, der Schöpfer und Erhalter des Lebens, uns mit jedem Sonnenaufgang neu scheinen lässt. Ich möchte all denen danken, die gerade in diesen schweren und ungewissen Zeiten, einen kleinen Fruchtcocktail daraus mixen und an ihren Orten für andere Menschen da sind. Darin schließe ich auch diejenigen mit ein, die das nicht aus Glauben heraus tun. Auch sie bringen etwas von den Früchten des Lichts in die Welt, in den Krankenhäusern, Pflegeheimen, Schulen, Supermärkten und an vielen Orten.

An das Ende möchte ich ein Gebet von Dietrich Bonhoeffer stellen, dass er gegen Ende des zweiten Weltkriegs im Gefängnis formuliert hat:

„Herr, in mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht. Ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht. Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe. Ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede. Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen lichtvollen Tag. Mit herzlichen Grüßen und Segenswünschen Ihr

Thomas Knittel

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