von Stefanie Tatz

Predigt beim Livestream-Gottesdienst anstelle des TdE 2020 über Psalm 103,2

am Sonntag, dem 13.9.2020, in der Kirche Moritzburg
von Thomas Knittel

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Ihr Lieben! „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Über diesen Satz aus den biblischen Psalmen möchte ich heute mit Euch nachdenken. Gott gebe uns ein offenes Herz für sein Wort.

Es klingt jetzt vermutlich komisch, aber ich habe zu Beginn dieses Jahres begonnen, meine Lebenserinnerungen aufzuschreiben.

Anlässe gab es dafür verschiedene, ein wesentlicher war ein Besuch in Herrnhut. In der Herrnhuter Brüdergemeine gibt es eine besondere Ordnung, die noch aus den Zeiten der Gründung der Gemeinde stammt. Fast dreihundert Jahre ist das her. Jedes Gemeindeglied soll bis spätestens zum 50. Geburtstag einen geistlichen Lebenslauf verfassen. Darin soll der eigene bisherige Lebensweg als ein Weg mit Gott reflektiert werden. Wenn dieses Gemeindeglied dann stirbt, wird der von ihm verfasste Lebenslauf bei der Beerdigung vorgelesen.

Mir hat dieser Gedanke gefallen, dass man nicht nur die Daten des Lebens auflistet: geboren, eingeschult, ausgebildet, beruflich tätig als … sondern, dass man versucht, dahinter zu schauen, dieses Leben zu verstehen. Wie kam das eigentlich, was meine Geschichte geprägt hat? Welche Rolle hat Gott darin gespielt, ohne, dass mir das im Moment des Erlebens immer bewusst war? Interessanterweise war ich zu diesem Zeitpunkt auch gerade am Beginn der 50er und dachte also: jetzt wird es Zeit.

Und so fing ich mit dem Schreiben an, einzelne Kapitel zu verschiedenen Themen, auf Fortsetzung angelegt. Ich habe mich zum Beispiel an meine Konfirmation erinnert, an meinen Vater oder an die Zeit, als ich Gitarre spielen lernte. Ich habe mir auch die Losung meines Geburtstages angeschaut und gestaunt, wie gut dieser Bibelvers zu meinem Leben passt. Das hatte ich noch gar nicht gesehen.

Ein bisschen war das wie eine Entdeckungsreise. Und ich hoffe, dass ich sie noch um eine Reihe von Kapiteln fortsetzen kann, diese Reise zum Ich. Zugleich eine Reise gegen das Vergessen.

„Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Diese Worte legt der Psalmbeter uns heute ans Herz.

Der Blick zurück ist so etwas, wie der Proviant für den Weg nach vorn. Wenn man nämlich plötzlich wahrnimmt, wie viel Gutes man schon erfahren durfte, dann ist das eine kräftige Wegzehrung für die weiteren Schritte. Allzu oft ist das Gute, das hinter mir liegt, verschüttet unter den Befürchtungen des heutigen oder morgigen Tages. Der Blick zurück ist eine Kur für die Seele. Darum stelle ich Euch heute die Frage: Weißt du noch? Und dabei denke ich nicht nur an Sonnentage. Denn auch in den Krisenerfahrungen stecken wichtige Entdeckungen, ja, manche Gotteserfahrung ist durch die Not hindurch gewachsen.

Ich finde es übrigens bezeichnend, dass der Psalmbeter sagt: lobe den Herrn, meine Seele. Die Seele möge den Herrn loben, die Seele möge nicht vergessen. Nicht der Verstand wird angeredet, denn es geht nicht um Merksätze, um Wahrheiten, die ich mir in ein Buch schreibe, und dann weiß ich sie. Vielleicht kennt Ihr auch die Erfahrung, dass man in der Rückschau ganz genau erklären kann, warum dieses oder jenes ein Fehler war. Der Verstand weiß es. Und dann macht man denselben Fehler am nächsten Tag wieder. Ich glaube, die Erinnerung ist weniger etwas für den Verstand, sondern viel mehr ein Nahrungsmittel für die Seele. Wenn die Seele Freude empfindet, Vertrauen, Dankbarkeit, dann geht es sich leicht, auch auf schweren Etappen. Weißt du noch, liebe Seele?

Wie schon in der Begrüßung erwähnt wurde, wäre an diesem Wochenende eigentlich das Ehepartnertreffen unserer Gemeinschaft von Diakonen und Diakoninnen gewesen. Weißt du noch, wie das war, als du zum ersten Mal in Moritzburg warst. Und weißt du noch, wie die jungen Diakone ihre Bräute damals beim Rektor vorstellen mussten. Aus heutiger Sicht eine kuriose Situation. Weißt du noch, wie ihr bei den Ehepartnertreffen abends zusammengesessen, erzählt und gelacht habt? Weißt du noch, wie die Diakonenschüler zu Kellnern wurden und euch bedient haben? Vielleicht haben sie auch manchen Streich gespielt, wie es auch zu Moritzburg gehört. Weißt du noch, wie du Trost erfahren hast im Hören auf die Bibel oder im gemeinsamen Gebet? Weißt du noch etwas von den Familienfreizeiten, von der intensiven Gemeinschaft? Weißt du noch, wie wir aber auch an unsere verstorbenen Schwestern und Brüder gedacht haben? Weißt du noch, dass unsere Gemeinschaft auch Zerreißproben erlebt hat.

Ich weiß natürlich, dass heute nicht nur Diakone und Diakoninnen mit ihren Partnern hier oder an den Bildschirmen und mobilen Geräten mit dabei sind. Aber auch Ihr habt einen Schatz an Erinnerungen in Euch, der gehoben werden will. Weißt du noch, wie du nach Moritzburg gezogen bist, was du hier in dieser Kirche erlebt hast? Weißt du noch, wie du deinen Partner kennen lerntest oder wie es war, ein Kind zu gebären? Weißt du noch, wie du deinen beruflichen Weg gesucht hast? Usw.

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Das Danken ist wie Proviant für die Seele. Aber der Satz hat, wie ich finde, auch eine provokative Seite. Denn manchmal fragen wir uns, wo denn Gott war, als es uns elend ging. Es gibt auch die Erfahrung der Unsichtbarkeit Gottes. Und ob Gott tatsächlich hinter allem steckt, was mir im Leben begegnet ist, das scheint nicht immer so klar. Der Psalmbeter geht offenbar davon aus, dass die Seele fortwährend Grund zum Loben hat.

Ich vermute, wenn wir jetzt mit ihm sprechen könnten, dann würde er sagen: das meinte ich ja gar nicht. Ich meinte nicht, dass alles eitel Sonnenschein ist. Ich meinte vielmehr, dass es dir guttut, auch in den schweren Momenten die Augen für Gott offenzuhalten; oder in dem Unverstandenen nach Spuren Gottes zu fragen. Wenn ich gesagt habe: vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat, dann meinte ich auch, dass das Gute nicht immer an der Oberfläche liegt. Es muss manchmal erst gesucht werden.

Beim längeren Nachdenken gebe ich ihm darin recht. Es ist nicht klug, etwas vorschnell nach dem Eindruck, den die Oberfläche auf mich macht, zu beurteilen. Ich habe mal eine Geschichte von zwei Schwestern gelesen, die im Konzentrationslager waren. Die eine sagte: wir müssen Gott für alles danken. Die andere sagte: du spinnst. Willst Du etwa Gott auch für die Flöhe danken, die hier um uns er herum sind? Ja, auch für die. Später entdeckten beide, dass die reichlich vorhandenen Flöhe der Grund dafür waren, dass die Aufseherinnen die Baracke nur sehr selten betraten und die Frauen darum in der Baracke auch ein paar Freiheiten hatten. Natürlich ist das paradox. Aber es geht nicht darum, die Flöhe gut zu finden. Vielmehr ist es die Haltung des Offenseins für Gott. Könnte nicht auch in der Niederlage, in dem Leid, das mir wiederfährt, eine neue Tür zu finden sein, die Gott mir auftut?

Ich glaube, das Danken ist nicht nur ein Hilfsmittel gegen das Vergessen. Das Danken ist zugleich ein veränderter Blick auf mein Leben. Das Danken kann aus grauen Tagen Grünes wachsen lassen. Das Danken ist eine Art Neugier auf das Gute, das in dem Unverstandenen und Leidvollen liegen kann. Es bleibt zugleich ein Abenteuer, das Abenteuer des Glaubens. In der Bibel heißt es: der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft. (Hebräer 11,1). Der Glaube spricht: Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. So gesehen ist es gut, wenn wir auch dem, was wir nicht verstehen oder was uns gar ärgert, mit Wertschät­zung begegnen. Wir wissen ja nicht, was darin noch für Segen liegen kann.

Der Friede Gottes, der höher ist als unser Verstehen, bewahre unsere Herzen und Gedanken in Jesus Christus. Amen.

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